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E i n f ü h r u n g

Prof. Dr. Carmine Chiellino
Literaturwissenschaftler, Universität Augsburg

Sehr geehrte Damen und Herren,
Verehrte Dichter und Freunde der Poesie,
 
Das 2. Festival der europäischen Poesie in Frankfurt am Main will Sprachen und Stimmen Europas durch seine Dichter an einem Ort erklingen lassen. Für eine sehr knappe Zeitspanne will das Festival wahrnehmen lassen, wie Sprachen und Stimmen Europas sich fremd und doch vertraut untereinander verhalten, wie ihre Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu einem in sich integrierten Klangskörper werden können.

Die Dichter sind gebeten worden, sich an diesem Experiment mit nur drei Gedichten zu beteiligen. Falls dies für sie keine Zumutung war, ist die Entscheidung für drei Gedichte bestimmt keine leichte Aufgabe gewesen. Denn die anwesenden Dichter schreiben seit Jahrzehnten Gedichte, sie haben unzählige Sammlungen veröffentlicht und sind dabei neue zu entwerfen. Dennoch haben sie mit großer Demut die Auswahl riskiert und vielleicht haben sie dabei an die berühmte Windegeschichte aus dem Buch vom Tee von Kakuzo Okakura gedacht. Sie lautet:

Uns werden, sehr geehrte Damen und Herren, von den Dichtern „Königinnen“ vorgestellt, die sie unter ihren gleichen ausgesucht haben. Dagegen besteht  meine wesentlich schlichtere Aufgabe darin, in einem knappen Grußwort Ihnen Gedanken und Empfindungen mitzuteilen, die die Lektüre der ausgewählten  Gedichte in mir ausgelöst hat.


Dacia Maraini

Bei der Lektüre des Gedichts „Meine Nächte“ von Dacia Maraini war ich überrascht zu erfahren, dass es die Nächte sind, die den Lebenslauf des erzählenden Ichs durch ihren unverwechselbaren Geschmack geprägt haben.
In einer Art von Crescendo schmecken sie nach bitteren Orangen, nach der Süße des Jasmins, nach Baldrian und zum Schluss nach Diazepan.
Durch ihren unlöschbaren Geschmack markieren sie die vier Abschnitte eines sich zu seinem Ende neigenden Lebenslaufs. Das Leben wird im Gedicht nicht durch den aktiven Verlauf des Tages, sondern durch die Veränderung des Geschmacks seiner Nächte zusammengefasst. Die Nacht wird zu jener Lebenszeit, wo es unmöglich ist, sich aus dem Weg zu gehen. Daher können weder Baldrian noch Diazepan extreme Spracharbeit von der Dichterin fernhalten, die sich eine Antwort auf folgende Frage schuldig ist: 

wie werde ich die Schwalbe nennen,
die in ihrem Schnabel mein Leben davon trägt?

Im Gedicht „Krieg im Teller“ wird dem Leser die trügerische Gewissheit entzogen, dass es Europa bis vor kurzem gelungen war, den Krieg jenseits des Sees/ Ozeans zu verbannen. Aber der Krieg sitzt längst mit uns am Tisch. Am Tisch ersetzt der Krieg das verlorene Gespräch und wird sogar zur Speise. Als Speise greift der Krieg in unsere Sinnlichkeit so tief hinein, dass er uns die Fähigkeit des Leidens austreibt, so lautet die bittere Wahrheit aus Marainis zutreffender Beobachtung.

Das „Gedicht 17 für Gius“ kündigt sich wie ein nachträgliches Liebeslied an. In seinem Verlauf wird es zu einer versöhnten Lebensbilanz. Zwei Zeilen aus diesem Gedicht werden mich lange begleiten. Sie lauten: „Im Handel der Vernunft / eine seltene Ware“. Sie werden mich deswegen lange begleiten, weil sie die Kunst des Dichtens sehr genau erfassen.

Stefan Hertmans

Das Gedicht von Stefan Hertmans „Nostra meglio gioventù“ strahlt ein wohltuendes Gefühl von Glück aus. Das Glücksgefühl ergibt sich aus der gereiften Gewissheit einer Wir-Generation, die ihr Leben im gesamten Verlauf der Geschichte des XX. Jahrhunderts untergebracht sieht. Die vorangestellte Frage von Majakowski „wohin jetzt?“ gegen Lenins Frage „Was tun?“, verstärkt mich in dieser Annahme. Im Gedicht selbst kündigt sich das Gefühl von Glück folgenderweise an:

Heute Abend gehen die Ameisen mit den Sternen ins Café:
wir liegen auf dem warmen Stein, zerstreut wie Scherben
zukünftiger Vergangenheit, und singen ohne Stimme.

Das trotzige Glück bestätigt sich im Lauf des Gedichts immer wieder, z.B. dort wo zu lesen ist: „sind wir noch kurz ein Uralt-Ganzes“ und schließlich offenbart es sich als kostbare, anhaltende, hinweggerettete Wir-Zugehörigkeit, die über eine Lebensvision entstanden ist. Deswegen kostbar, weil Zeiten eingetreten sind, in denen eine Wir-Zugehörigkeit eher über Institutionen, wie Religionen, Parteien oder Firmen und selten über kollektive Lebensvisionen ausgelebt werden kann.

Das lange Gedicht „Ein Mittagstässchen“ mit den wechselnden Szenen, die den Dialog zwischen den Schachspielern, bzw. zwischen dem Meister und dem Schüler, ergänzen, hat mich in eine ersehnte Welt verführt, in der nicht die Zeit sondern das erzählende Wort das Leben bestimmt.
 
Das Gedicht Hípparchia liest sich wie eine Würdigung und eine Mahnung
zugleich. Als Würdigung der freimütigen Philosophin Hípparchia und als aktuelle Mahnung an diejenigen, die sich von der Philosophie erwarten, was sie nicht gebären kann. Aber es handelt sich um eine Vermutung, eine sehr zerbrechliche Vermutung, die ich hier äußere.

Hans van de Waarsenburg

Hans van de Waarsenburg hat sich dazu entschieden, uns durch drei Kulturlandschaften zu führen, die er durch die Auswahl der Titel sprachlich festgelegt hat: Azul, Terra salsa, Polskie Tango. An dem Unterschied zwischen der Ursprache aus den Titeln und der Sprache der Gedichte lässt sich eine geheimnisvolle Spannung zwischen dem Eigenen und dem Fremden erkennen. In allen drei Gedichten weisen die Landschaften weder den tätigen noch den sich erinnernden Betrachter ab. Sie gewähren ihm freundlichen Zugang, sei es als neugieriges Kind oder als zweifelnder Jugendlicher in „Azul“, als Zukunftsspäher in „Terra salsa“, als auffordernder Tänzer im „Polskie Tango“. Bilder und Rhythmen entwickeln sich mit besonderer Leichtigkeit. Dabei ist eine steigende Intensität der Verführung beim Betrachten der Landschaften zu verspüren. In der Tat, wer könnte sich einem Tango mit einer Schwarzen Madonna verweigern, wohl wissend, dass sie im Hohen Lied Salamon von sich behauptet: nigra sum sed formosa: ich bin schwarz und dennoch von erhabener Schönheit, ihr Töchter Jerusalems.

Jedoch erfährt der Leser nicht, ob die ausgesprochene Aufforderung zum Tanz von ihr angenommen wird, genauso wenig erschließt sich mir die letzte Strophe des Azul-Gedichts, wo zu lesen ist:

Das Wasser stand bis an den Hals.
Ich war die Wellen, das Kind
von einst. Das Land mit Löchern
in den Wolken, die Finger am Rand.

Und bei dem Erkunden des Horizonts in „Terra Salsa“ zeigt sich die Zukunft nur in einer maßlos unendlichen Ferne. Ist der Dichter auf der Suche nach einem Geheimnis, das zwischen dem Eigenen und dem Fremden liegt, oder versteht er sich als großer Verführer, der seine Leser geheimnisvollen Erfahrungen aussetzen will?  – lautet meine ungelöste Frage.

Michael Krüger

Auszüge aus dem neuesten Band „Unter freiem Himmel“

Laut dem Titel seiner letzten Gedichtsammlung, aus der Michael Krüger lesen wird, bewegt sich der Dichter „Unter freiem Himmel“. Er hat jedoch nicht vor, die Welt zu vermessen oder Welten zu sammeln. Denn dort ist zu lesen:

Ich sammle Wörter.
Ist ein Satz beisammen,
werf ich ihn den Vögeln zu,
um Schaden abzuwenden.

Etwas mit der Welt anfangen zu wollen, hat Michael Krüger eher skeptisch gestimmt, auch damals als es darum ging, die Welt zu verändern, ja zu verbessern. Schon damals war er daran interessiert die Welt als Gespräch zu erfahren. Bekanntlich hat Sokrates sich in dieser Kunst ein Leben lang versucht.

Das Gespräch mit befreundeten Dichtern, Künstlern, Philosophen und Wissenschaftlern, die überall in der Welt leben oder lebten; die Rede mit all ihren möglichen Varianten, als Rede von Charakteren, von Berufen, bis zu historischen Figuren wie „Il Magnifico spricht“, das Selbstgespräch als Sprachmeditation bilden die Kernästhetik der Lyrik von Michael Krüger seit Jahrzehnten. Hinzu kommt als weitere Konstante: das Reisen und die unverzichtbare Nähe zu Flora und Fauna. Diese stets gesuchte Nähe ist deswegen für Krügers Lyrik unverzichtbar, weil Flora und Fauna Wissen verraten, das woanders nicht zum Vorschein kommt.
Mitten in dieser Welt tritt immer wieder ein Großvater auf, um die historische Tiefe des ästhetischen Empfindens bei dem Autor zu belegen. Denn dieser Großvater ist mal Kartoffelzüchter, mal Hühnerhalter, mal Sternbeobachter, wie in folgenden Versen:

Mein Großvater, christlich erzogen,
liebte die sanftmütigen Sterne.
nur die Kometen, die Wunden rissen
in das feine Tuch des Himmels,
verabscheute er aus ganzem Herzen.
Unruhestifter, Chaoten, brummelte er;
Verschanzt hinter seinem Fernglas

Nun werden wir fünf Dichter, fünf Sprachen und vor allem fünf, ja sechs  Stimmen hören. Auf die Stimme kommt es an und nicht nur, wenn das Gedicht entworfen wird. Denn die Stimme besteht aus Wellen, die uns erreichen und berühren und sie teilen uns etwas mit, bevor wir sie in Sprache umwandeln.

In dieser Sprache vor der Sprache verspüre ich das Wesentliche der Poesie. Wir haben das Glück uns zweimal der Stimme der Poesie auszusetzen: im Original durch die Dichter und in ihrer deutschsprachigen Übersetzung durch die Schauspielerin:  Manuela Koschwitz.

Uns allen wünsche ich ein gutes Gelingen des Experiments und mein Dank geht an die Initiatorin des Festivals, Marcella Continanza, Dichterin und großzügige Freundin der Dichter Europas.

Jaroslaw Mikolajewski

Die wiederholte Lektüre der Gedichte von Jaroslaw Mikolajewski hat in mir den Eindruck entstehen lassen, dass der Dichter seiner Sprache tiefste Demut  gegenüber den Inhalten seiner Gedichte abverlangt.
Unter dem Titel „Billard“  des ersten Gedichts sind z.B. folgende zwei Verse zu lesen:
Nach der Totenmesse für deine Tochter
standen wir noch kurz vor der Kirche

Als Leser habe ich den Übergang von einem Billardraum mit seiner heiteren Atmosphäre zur Verlorenheit der Trauergäste auf dem Kirchvorplatz zeitlich kaum vollziehen können. Noch weniger Zeit gewehrt die Zurückhaltung der Sprache dem Leser, um sich des Schmerzen der Figuren bewusst zu werden, die sich, angesichts des Todes eines jungen Menschen, sprachlos gegenüber stehen. Nur durch ein langsames Lesen lässt sich Empfindungszeit zurückgewinnen, um sich der Intensität der Inhalte im Gedicht zu stellen.
Diese Lesart würde aber der rätselhaften Leichtigkeit der Sprache aller drei Gedichte von Jaroslaw Mikolajewski nicht gerecht werden, denn das würde heißen, eine Sprache anhalten zu wollen, die leicht fließt und zwar in klarem Kontrast zu den Inhalten, die zum Nachdenken zwingen.
Im Gedicht mit dem Titel „Schaum“ erklingt sie wie folgend:

Mich abduschend
betrachtete ich den Schaum in der Wanne

Er wurde schließlich von Wasser aufgeweicht
und dann erkannte ich, dass ich mich selbst betrachte

Im Abfluss verschwindend machte er große Augen
riss den Mund auf
wollte nicht abfließen

Zu meinen Füßen lag mein flüssiges Skelett.

Ich bin sehr neugierig zu hören, wie der Dichter selbst seine Sprache liest.

www.chiellino.com
Hotel am Dom Kannengiessergasse 3, tel. 069 28 21 41.
Clic Donne 2000 Marcella Continenza Tevesstr.107 60326 Frankfurt/M.
Tel.: +49-(0)69 738 29 02 Fax: +49(0)69-97 32 89 18

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