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E i n f ü h r u n g



Dr. Anna Maria Arrighetti

Literaturwissenschaftler in, Universität Mainz
und Trier

Die undankbarste Aufgabe, die man als Leser
zu bewältigenhaben kann, ist die Forderung zu
erfüllen, "über" ...

 

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Gedichte zu sprechen. Als ob der arme Dichter sich nicht klar genug ausgesprochen hätte, wird man zum Deuten gezwungen, erkennt man oft seine Bemühungen als unzulänglich und man ist schließlich auf einen wissenden Interpreten angewiesen, der sich besser auszudrücken weiß. Spätestens zu diesem Zeitpunkt beginnt man, gegen die Poesie richtigen Widerwillen zu haben. Aus diesem Grund, und auch weil wir heute Abend keine Gedichte hören, die schmeichelnd zum schnellen Konsum einladen, dennoch in sehr unterschiedlicher Weise an die Saiten unserer Seele zu rühren vermögen, möchte ich mich lieber davon fernhalten, einen Deutungsweg zu zeigen.Bei uns zu Gast sind vier Autoren aus verschiedenen Gebieten Europas, deren Bevölkerungen im Lauf geschichtspolitischen Geschehens z.T. gegeneinander ausgespielt wurden – ich denke z.B. an das geteilte Deutschland, dessen schmerzhafte Widersprüche manche von uns am eigenen Leib erfahren haben, oder an Italien und Slovenien. Damit die ideengeschichtliche Verbindung dieser verschiedenen Traditionen wieder zum Vorschein kommen und ein poetisches Netz jenseits der nationalen Grenzen weiter ausgestaltet werden kann, bieten die ruhmreiche Vergangenheit und die Gastfreundschaft der Stadt Frankfurt am Main sowie ein festlicher Anlass wie das europäische Poesiefestival wohl den geeignetesten Rahmen.
Nun möchte ich versuchen, die wichtigsten Motive dieses gemeinsamen Empfindens herauszuarbeiten und dabei hoffe ich, der Eigentümlichkeit jedes Werks und jedes Autors Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.
Angesetzt werden soll zuerst mit der Dichtung zweier Autoren, die wegen ihrer Themenauswahl die vielleicht charakteristischste Problematik der großen europäischen kulturellen Überlieferung des 20. Jahrhunderts fortzusetzen scheinen. Die allgemeine Krise der Werte, die sich bereits um die Jahrhundertwende anbahnt, wirft Fragen auf, die um die Grundlagen und um die Legitimität der poetischen Tätigkeit kreisen. Anders als in der Antike steht der Autor in einem meist problematischen Verhältnis zu seinem Werk und zu seiner Identität als Künstler. Er fragt unentwegt, wodurch Dichtung eine Daseinsberechtigung erhält, welche Beständigkeit ein künstlerisches Werk im Laufe der Geschichte besitzt, welchen Bezug die Worte eines Textes zum Wesen der Dinge haben oder haben sollten; schließlich spürt er nicht selten, wie sein literarisches Produkt auf der einen und die historischen Vorgänge und die Formen des materiellen und sozialen Lebens auf der anderen Seite sich gegenüberstehen. Elemente einer solchen Reflexion weisen die Gedichte des griechischen Autors Haris Vlavianós auf. Zwei wichtige Motive treten in den Texten auf, die wir hören werden und die der Sammlung Nach dem Ende der Schönheit von 2003 entstammen.

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Zentral erscheint die Frage nach einer Bestimmung der Wahrheit. Im "Labyrinth", d.h. also in der Wirrnis des Lebens, sei es uns Menschen unmöglich, sagt der lyrische Sprecher, einen direkten Zugang zum letzten Sinn der Existenz zu finden. Denn unsere Realitätswahrnehmung ist einerseits stark gelenkt von überkommenen Werten und von einem Wissen, das uns allerdings nicht mehr gehört. Andererseits sind wir nicht in der Lage, unsere Erkenntnis mit unserer direkten Erfahrung in Einklang zu bringen. Wir können nämlich das Erlebte nicht eindeutig entschlüsseln und es in einem sicheren Reservoir an Wissen aufheben. Den Weg vermag laut Vlavianós ausgerechnet die Poesie zu zeigen, die Poesie, die uns wie die Ariadne aus dem griechischen Mythos den Faden liefert, mit dessen Hilfe wir aus dem Labyrinth herausfinden. Ohne Anspruch, letzte Wahrheiten zu verkünden, kann die Dichtung positive Lebensmöglichkeiten zeigen: "Wahrheit ist nicht die Bloßlegung/ die das Geheimnis zerstört;/ sie ist die Offenbarung die es ins Recht setzt". Weil jede Kunstform auf eine subjektive Deutung der Realität gründet, vermag die Dichtung die Erlebnisse des Menschen und die scheinbare Disharmonie der Existenz in einen neuen Zusammenhang so zu ordnen, dass selbst die sog. "Fehler", ja einfach die "Leidenschaft" eine Berechtigung erhalten.
In "Fin de siècle, mal de siècle" nimmt der Autor Abschied von einem "gelähmten Jahrhundert", das vom Sturm der Barbarei aufgewühlt wurde und das mehr als nur Trümmer hinterlassen hat. Die Orte des Schreckens nennt der lyrische Sprecher beim Namen:
Theresienstadt, Treblinka, Timisoara. Angesichts eines ebenso bedrückenden Erbes wie einer Gegenwart, in der sich das Individuum aus mangelndem Sinn wie eingeengt fühlt, schaut Vlavianós nun doch plötzlich mit einer gewissen Skepsis auf die Rolle, die die Dichtung übernehmen kann: "…die heißen Tränen der Poesie trocknen bevor sie sich richtig geformt haben". Aber es gibt einen schlichten Trost, und so kommen wir zu dem zweiten bedeutenden Thema seiner Dichtung, nämlich die Liebe. Geliebt zu haben und geliebt worden zu sein. Dies gibt eine Art Sicherheit, einen "festen Punkt", so heißt es, von dem aus das Treiben der Geschichte gefasst betrachtet werden kann (Joachim Sartorius).
Aus einer anderen Perspektive thematisiert auch Kurt Drawert in den Gedichtsammlungen Wo es war von 1996 und Frühjahrskollektion von 2002 das problematische Verhältnis zur Sprache, zur sog. Wahrheit und zu den in unserer Gesellschaft allgemein geltenden Werten. Die Vorstellung von Heimat, die Drawert in seinen Texten liefert, erscheint z.B. sogar provokatorisch: In der Charakterisierung des Ortes, der herkömmlich als vertraut gilt, schwingt bei ihm ein unüberwindbares Gefühl der Fremdheit mit. Das Herkunftsland ist in seinen Augen ein ferner, unverständlicher Ort voller Lügen; ein Ort, der einem nicht gehört und der sich trotzdem so tief und unauslöschlich in die Seele eingeprägt hat, dass er wiederum eine befremdliche und überraschende Form der Vertrautheit anzunehmen scheint: "Als fremder Brief mit sieben Siegeln/ ist mir im Herzen fern das Land./ Doch hinter allen starken Riegeln/ ist mir sein Name eingebrannt".

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An anderer Stelle schildert der Sprecher in ironischem Ton mit welchen Widersprüchen das Land lebt, dem die Deutschen den Namen "Vater" geben. In unserer postmodernen, fortschrittsfixierten Zeit ist der Mensch zu einem gierigen Verzehrer von Bildern geworden, die ihm die Errungenschaften der Marktwirtschaft vorhalten. Solche Errungenschaften zählt der lyrische Sprecher in "Heimatgedicht, C-Dur" auf: blühende Rapsfelder, "die tüchtige Werksfrau", bekannte Elektrokonzerne, "die ertragreichen Kühe/ in Schleswig-Holstein", erfolgreiche Tennisspieler. Dies alles gilt dem Menschen gleichsam als selbstverständliche Belohnung für ein "gottgewolltes" Dasein. Doch drängt sich immer wieder in Drawerts Texten das Wort "Krieg" schonungslos auf. Zum einen der Krieg als tägliches Grauen, das wir gerne von unserer Vorstellungswelt deshalb fernhalten, weil wir uns eben zu einem vermeintlich glücklichen Schicksal quasi berufen fühlen; zum anderen der Krieg als eine Realität, die unsere Worte nicht wirklich einzufangen vermögen: Worte werden in unserer Gesellschaft überproduziert und lassen, vielleicht gerade deswegen, jeglichen Sinn und Inhalt vermissen.
In dieser melancholischen Landschaft befindet sich das lyrische Ich mit einer Mischung aus Rebellion und ohnmächtiger Desillusion. Eine auffallende Anzahl von geflügelten Wesen fliegen an ihm vorbei oder aber, wenn sie halten, scheinen sie nichts Gutes zu versprechen:
Die Schwalben gelten hier nicht als Frühlingsbotinnen, sondern deuten vielmehr mit ihrem "Sturzflug" auf "schwarze Ufer" auf Untergang und Zukunftslosigkeit hin; die Schwäne treten ebenfalls im schnellen Vorüberfliegen auf: Man ahnt nur, dass sie "nicht weit" kommen werden. Als einzige bleiben die Raben und die Engel zurück, hier säkularisierte Begleiter, in deren Nähe der Sprecher täglich, schweigend, auf eine erlösende Botschaft wartet. Und überall herrschen Dunkel und Finsternis; selbst das Weiße des Schnees besitzt hier keinen malerischen Charakter, sondern gilt ausschließlich als Schleier der Dinge, als Symbol der schwierigen Kommunikation und der Rätselhaftigkeit des Lebens.
Die zwei anderen Autoren, Paolo Ruffilli aus Italien und Brane Mozetič aus Slowenien, setzen sich vor allem mit jenen Aspekten des Lebens auseinander, die von Leiden und körperlicher und seelischer Krankheit gezeichnet sind. Aus den vielen von Ruffilli veröffentlichten Gedichtbänden wird heute Abend aus Kleines Frühstück von 1987 und aus dem 2008 erschienenen Die Zimmer des Himmels vorgelesen. Aus dem ersten Band, Kleines Frühstück, der sich wie eine Art Bildungsroman voller Selbstironie verstehen lässt, wird ein Ausschnitt vorgestellt, in dem es um das Erleben der Universität geht. Der Umgang mit einer Wissenswelt, die sich durch die Bücher als "konzentriert[], in Schachteln gesteckt[], ausgepresst[]" und "destilliert[]" bietet, erweist sich als eine ebenso mühsame wie desillusionierende Erfahrung, aus welcher der Sprecher nichts Eigenes für sich zu schöpfen vermag. Das Änigma des Lebens, das sich der Sprecher ausgerechnet aus den Büchern erhofft, enthüllt sich schließlich nicht.
In Ruffillis Zimmern des Himmels erhält ein Häftling eine Stimme und diese Stimme wird mit dem gesellschaftlichen Kontext in Verbindung gesetzt, in dem er sich bewegt.

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Der lyrische Sprecher betrachtet voller Zweifel jenen quasi klischeehaften Refrain, unter dessen Schutz die Kollektivität jegliche Verantwortung von sich weist: "Zersetzung", "Verfall", "Krankheit einer Epoche", "Krebs einer Gesellschaft". Der Häftling fordert sein Recht, trotz seines Fehlers als vollständige Person wahrgenommen zu werden: "Und eine einzelne Handlung/ entspricht nicht dem Menschen/ sie kann ihn nicht verkörpern/ und erst recht nicht auslöschen". In seiner Einsamkeit sind es zuweilen eine lichtvolle Nacht oder der unerwartete Augenblick, in dem sich das Leben mit "überschäumende[r] Energie" bietet, die seine fast unerträgliche Sehnsucht nach der Überwindung aller materiellen und psychologischen Hindernisse erwecken. Die Welt, die sich schließlich in Brane Mozetič' neuester Sammlung Banalien erschließt, ist hingegen, in ihrer teils surrealen Ausgestaltung, von erschütternder Wirklichkeit. Die ausgewählten Gedichte aus diesem Band, der übrigens schon in mehrere Sprachen übersetzt wurde und jetzt auch auf Deutsch im Erscheinen ist, erschüttern vor allem wegen der hoffnungslos bedrängenden Stimmung, die sie heraufbeschwören.
Zu Beginn nimmt der lyrische Sprecher im Traum die Form eines Panthers an und folgt fast zwanghaft einem vielleicht geliebten Du, um dieses vergeblich vor einer immer näher kommenden Bedrohung zu schützen. Viele Gesichter hat die Gefahr, die in Mozetič' Gedichten vorkommt. Mehrmals handelt es sich um die Erscheinungen der entfremdenden modernen Stadt: Es sind das "Sirenengeheul", das "Menschengekreisch" und die bedrückende Hoffnungslosigkeit, die das Ich und das jeweils angesprochene Du in einen Zustand permanenter, lebensgefährlicher Verfolgung und lähmender Angst versetzen. Dann sind es die lauten und dumpfen Geräusche, die vielleicht den Krieg ankündigen und einen in die Flucht schlagen. In dieser Art Notzustand, außerhalb dessen niemand zu leben scheint, erweist sich das Wesen von Menschen, Dingen und zwischenmenschlichen Beziehungen gleichermaßen als verzerrt und labil: "Freunde sind keine Freunde, […] Mutter ist keine Mutter, […] alles schwebt/ in einer Leere, die endlos ist, Halluzinationen, Geister, Fratzen,/ Wasser ist kein Wasser und Luft keine Luft, Feuer/ kein Feuer".
Nicht einmal die Familie sei imstande, jenes Gefühl der Geborgenheit zu gewähren, die gewöhnlich zu erwarten ist. Die Familie ist hier der Ort, an dem auch das jüngste Mitglied nicht von Lügen, Verachtung und wiederholter Gewalt verschont wird, und zwar derart, dass dessen Empfindungen und Selbstachtung völlig abstumpfen. Wenn es nun wirklich stimmt, dass Lyrik uns mit Emotionen erfüllt und uns zugleich das Leben begreifen lässt, dann machen wir uns zum aufmerksamen Zuhören bereit.    Anna Maria Arrighetti, 08. 05. 2010

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