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Gedicht 17 für Gius [ von Dacia Maraini ]

Die Zukunft ist schon Vergangenheit
in Nebelschwaden der Gegenwart
und mit unsicherem Schritt entfernst du dich
aber wo hast du den Schatten verloren,
der dir ein treuer Begleiter war?
Nun bist du nackt und ohne Schatten
wie das Gerippe eines Pferdes
von Wölfen abgenagt,
im Handel der Vernunft
eine seltene Ware
der Gedanke an einem Tag
ohne Zukunft ohne Vergangenheit,
eine Höhle zwischen Erinnerungen,
eingeritzt im ihren Erinnerungsstamm,
gierig greift indes die Kohlmeise
nach den Krümeln,
die ich ihr auf die Fensterbank lege
und flüchtet sich zu ihrem Nest
ihre Brust ist gelb
wie der Eidotter
was bedeuten jene Striche
die den Horizont durchziehen?
Vielleicht das schmerzlose Feiern
eines Übergangsritus
zwischen Gestern und Morgen
zwischen dir und mir
im Schlamm der Entzückung
und im Ergötzen einer entschwundenen Zeit

 

Meine Nächte [ von Dacia Maraini ]

Meine Nächte
mit dem Geschmack einer bitteren Orange
waren belebt
durch schwerfällige weiße Wale
und fliegende Schlangen
mir war das ewige Schaukeln
der milchfarbigen Gardinen vertraut
ich habe eine Mispel
in den Fressnapf des gestorbenen Hundes gepflanzt
aus ihm ist ein Bäumchen herausgewachsen
krumm und zornig
ich werde es Erlöschen nennen
meine Nächte
mit der Süße des Jasmins
wie fest waren die Flügel
und fließend die Erinnerungen
auf jener fernen grausamen Insel
dort wachte ich
jeden Morgen
etwas größer und
fröhlicher auf
Meine Nächte mit dem Baldriangeschmack
sind düster und dreist geworden
obwohl ich meinen Kopf
stets auf  Federkissen lege
in auf den Kopf gestellten Städten
in unbekannten Räumen
träume ich nicht mehr von Walen
meine Nächte mit Diazepangeschmack
sind mir in den Schultern zu eng
wie werde ich die Schwalbe nennen,
die in ihrem Schnabel mein Leben davonträgt?

Krieg im Teller [ von Dacia Maraini ]

Krieg im Teller

jedoch nur für neugierige Augen:
eine Frau zerrt ein totes Mädchen am Arm
ein Haus zerfällt in Trümmer
Mauern zerbröseln wie Kekse
wie oft haben wir uns
friedlich sitzend
von einer zu der anderen Tischseite
über den Krieg unterhalten
ein Auto fliegt in die Luft
über die Salatschüssel hinweg
ein Mann schreit bei dem Anblick
einer leeren, blutgetränkten Hose
ein Überseekrieg flimmert auf dem Breitwandbildschirm,
explodiert, löst sich auf, zerfleischt
unsere missbrauchten Gedanken,
die Trugbilder fremder Schmerzen,
wie werden wir sie nennen, mein Gott
wenn nicht Auswüchse, dann Ausscheidungen
eines Herzens in Feierstimmung
ein Krieg jenseits des Brotskorbes
verzehrt sich im Lauf eines Abendessens
es brennen die Felder
es brennt die Schule
es brennt ein Wald
es brennen die Terrassen
eines Luxushotels
während wir weiter an Fischgräten nagen
lacht ein Junge triumphierend
er hat alle Zähne verloren
ein Überseekrieg
aus Neugier schauen wir weiter zu, behutsam,
jenseits eines perlfarbenen Glases,
trinken wir Bier
mitten in einem violetten Abend
und überrascht lauschen wir
dem Klang eines Motors
wird er im oder außerhalb des Krieges sein?
Wird das Flugzeug explodieren oder
durch die Wolken gleiten?
Ein Mädchen flieht, mit nackten Füssen
weint ein Kind ohne Ton
es sind nicht wir, die dem Krieg zu schauen
er spioniert uns aus
jenseits des zweifachen, gestreiften Bildschirms
eine weitere Granate
ein fliegender Helm
ein Soldatenkörper
sackt weich und regungslos leicht in sich zusammen


   
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