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Carlo Bordini

Das Gedicht "Die Gesten" wurde von Katia Nappa und Sarah Wollberg übersetzt.
Alle weiteren Gedichte sind von Silvana Bussmann in Zusammenarbeit mit Reinhart Moritzen übersetzt worden.

Begegnung mit dem Teufel [ von Carlo Bordini ]

Ich begegnete einem alten
Herrn, der sagte:
die Mädchen des Pariser Balletts
erinnern mich,
so dreist wie sie sind,
an etruskische
Vasen

Carlo Bordini

 

Die Gesten [ von Carlo Bordini ]

Menschen, deren falsche Gesten ein wenig
Zittern
Menschen, deren falsche Gesten. Es gibt Menschen,
denen
Gesten machen
sehr schwer fällt. Sie probieren
wieder und wieder ihre
falschen Gesten aus und wenn ihnen eine gelingt, dann scheinen alle anderen auch
zu gelingen, aber die längste Reihe ist die
der falschen Gesten, [was für eine
endlose Reihe!]

Die ungeschickten Gesten
 nach vielen Jahren wiederholt, die Gesten
über viele Jahre wiederholt,
die komischen Gesten,
die etwas selbstmörderischen Gesten.
die fragenden Gesten. Die Gesten,
die sich nicht verstehen lassen,
die nicht erhörten
Hilferufe,
die ungeschickten,
ununterbrochenen
Forderungen. die
selbstmörderischen
Forderungen. Die plumpen Gesten,
die etwas verschämenden, lästerlichen. Die hochmütigen
Gesten, Die
Gesten
die weder Bedeutung, noch Wert haben, weil
sie ungeschickt sind, die Gesten,
die einfach ungeschickt und gewöhnlich sind,
die ironischen
Gesten.
Die resignierten
Gesten
Die bewusst plumpen
Gesten,
die wissen
ungeschickt und plump
zu sein,
Die Gesten, die
eine indirekte
Entschuldigung
enthalten
und diejenigen, die vortäuschen
stolz zu sein
Die Gesten, die
wissen
dass nichts mehr zu machen ist.
Die stillen
Gesten,
die sich
absondern
Die stolzen,
wenig geschickten, Gesten
Die Gesten desjenigen, der weiß ungeschickt zu sein,
und Gesten macht,
um
sich zu entfernen
und nicht
aufzufallen
Die resignierten
Gesten
Die verärgerten Gesten
desjenigen, der weiß,
plump zu sein und als
ungeschickt zu gelten
Die verwirrten Gesten,
desjenigen, der nicht weiß,
was er tut
die verärgerten Gesten
die Einsamkeit verlangen

Oder die definitiv
ungeschickte Geste, nicht
mehr zu kommunizieren,
abzuschweifen, in die
Einsamkeit,
und nicht mehr zu kommunizieren,
nicht mehr, nicht mehr

die Ticks
die kleinen Ticks
die Gesten, die versuchen,
jemanden Fern zu halten,
jemanden,
den man sich vorstellt
oder erfindet

zu wissen,
dass man verurteilt wird
[von allen]

zu wissen, dass die eigenen Gesten
verurteilt
werden

Die Gesten, desjenigen, der sich
so schwach fühlt,
dass es ihm schwer fällt
irgendeine Geste zu machen
die stille Geste
als ob er wollen würde, dass die anderen verstehen,
was er braucht
ohne dass er sich dafür bewegen muss

Die Geste
überhaupt keine Geste zu machen

Die eingebildeten
Gesten
sich einbilden
eine Geste
zu machen

Die Gesten unter Wasser
Gesten unter Wasser machen
auf vorbeigehende Leute zeigen
ohne dass jemand deinen Finger entdeckt
der sich unter Wasser bewegt

Die befremdlichen Gesten
es gibt immer jemanden,
der die Gesten sieht
und beschließt, dass sie
ungeschickt irrsinnig verrückt plump umsonst
lächerlich
sehenswert sind

es gibt immer jemanden, der bestimmt,
dass du zu dünn
zu dick
ein wenig zu still
zu inkonsequent,
ein bisschen komisch
ein bisschen gestört. [(flüsternd
gesagt).],
ein unpraktischer,
bemühter,
aber zu einsamer
zu introvertierter
zu unpraktischer
zu ungeselliger
Typ bist,

Die Gesten, die Leute
meiden. Die Gesten, die vermeiden
gesehen zu werden. Die Gesten,
die etwas verbergen, die versuchen
etwas zu verbergen.
Die Gesten, die instinktiv,
wenn auch unbewusst,
das Gesicht
den Kopf die Hände
den Mund beschützen

Die Ticks
Die etwas lächerlichen Ticks

Die unnötigen Gesten
Die Angst vor Geräuschen.  Der
Wunsch
nicht gesehen zu werden, die Geste
sich zu bedecken, der
Wunsch sich zu verstecken, die
Geste
sich den Kopf zu bedecken. Die Gesten
derjenigen,
die mit dem Kopf
ganz woanders sind, die Geste
sich den Kopf, das Gesicht,
den Mund zu bedecken, die keuschen
Gesten. Die keuschen
Gedanken, 
die reinen, jungfräulichen, keuschen
Gedanken.
Die Gesten, die weh tun
ohne es zu wissen

Carlo Bordini

 

Aus "Staub" [ von Carlo Bordini ]

Immer etwas weniger werde ich sein, als ich es bin,
sogar viel weniger. Staub. Viel habe ich verloren.
Was verloren ist, kann nicht wiedergewonnen werden,
und wenn es wiedergewonnen wird,
ist es dann verstreut, in der vorbestimmten Ordnung
der Dinge findet es keinen Platz mehr. Ich bin froh,
bliebe von mir nichts anderes als ein Hauch
von Hülle. Vieles habe ich
verloren. Was bei diesem Hauch
am meisten zählt, ist die Abwesenheit des Spitzen,
rund soll alles sein und in sich geschlossen. Dies genügt.
Alles, was zerrissen ist, kann rund,
noch rund werden. Wie ein Gefäß. Noch ist es möglich.
Der Staub kann wiedergewonnen werden. Einmal war der Staub
Geröll. Jetzt ist der Staub kein Geröll,
allmählich wird er bröckelig. Etwas weniger
ist der Staub, aber er kann
zusammengehalten werden. Die Wunden
können zu Staub werden, zusammengehalten
und in sich geschlossen. Ich bin froh,
dass ich Dinge nicht verstehe. Ihren
Sinn. Es gibt Dinge, von denen ich nichts weiß, und darüber bin ich
froh. Wie Geheimnisse erscheinen sie,
sind ruhig. Zum Beispiel,
liebt mich das Mädchen, dem ich immer begegne,
oder nicht ? Ich weiß es nicht. Ich bin froh,
dass ich es nicht weiß. Ich bin froh, dass ich nicht weiß,
ob ich sie liebe oder besser, ich weiß, dass ich sie nicht liebe, dass ich sie
lieben könnte; ich bin froh,
nicht zu wissen, ob ich sie hätte lieben können. Dieses Geheimnis
gibt mir mehr Sicherheit als ihre Liebe.
Es ist schön, nicht zu wissen. Nicht zu wissen, zum Beispiel,
wie lange ich noch lebe
oder wie lange noch die Erde lebt.
Dieser Schwebezustand
ersetzt die Ewigkeit.
…………………………

Als aus dem Sturm die Kohlenwasserstoffe in den
Sumpf gelangten, der mit dem Sturm in Verbindung war, jedoch von ihm getrennt,
in den warmen und sonnigen Sumpf,
entstand dort das Leben wie in Wasser versunkener Staub,
wie etwas unendlich Kleines und Schwaches, das,
um zu blühen, günstige Bedingungen fand und
aus seiner Schwäche die Bedingungen für sein Dasein schuf.
Wenn es nicht schwach gewesen wäre, hätte es nicht entstehen können
und sich auch nicht von der Sonne durchdringen lassen. Wenn der Sturm
es nicht hingeworfen hätte, wäre es nicht zerbröckelt und hätte nicht
im nachhinein den Sumpf zusammen mit seinen Gleichen, den Zerbröckelten, erreicht,
um sich von der Sonnen durchdringen zu lassen.
So entstand das Leben. Aus dem Staub, aus der
Katastrophe. Aus dem Zerbröckeln und dem zerbröckelten
Geröll. So entstand die Kraft. Aus der
Schwäche, aus dem Gedanken über die
Schwäche. Aus dem Hinnehmen, sich von der Sonne
durchdringen zu lassen.
......................................

Carlo Bordini

Deine Haare [ von Carlo Bordini ]

Deine Haare sind von einer giftig blonden Farbe
langsam haben sie mich vergiftet
voll von deinen Haaren sind mein Herz und meine Brust

ich wusste nicht, dass sie so waren
nie habe ich mir die bitteren Bohnen vorgestellt, die ich aß
ich dachte, Leben kostet etwas, aber nicht soviel

Asche bin ich
es ist der letzte Tag des Jahres
ich werde dich immer in mir tragen

meine faltige blaue Haut
mit dem Abdruck deiner Küsse, unschuldig und giftig

Carlo Bordini

Magritte [ von Carlo Bordini ]

In sich enthält das Blatt schon den Baum
das Profil des Menschen seinen Abend
die Wolke den Horizont
und das Gedächtnis ist eine Wunde
auf der Schläfe einer olympischen Statue.
Der Apfel erhebt sich auf einem nicht vorhandenen Hals,
Kopf aus einer Pflanze
und der Titel ist immer notwendig,
immer notwendig.
Während die Wolke in unser Inneres gelangt
und die Pflanzenwelt sich mit der tierischen vermischt,
die Kleider mit dem Körper sich vermischen,
die Funktion mit dem Mittel (der Vogel mit dem Himmel)
hört ein Apfel eindringlich zu,
und wir, mit unseren drei Monden,
schauen, wie die Brote im Himmel in einer Reihe vorüberziehen,
und aus dem Fenster, beunruhigend,
schauen ungeordnet auf uns
fünfzig unserer i
grauenvolle
Weinlese aus Tod.
Während ein Vogel aus Stein
in einem mit
unseren Gesichtern
bemalten Himmel
fliegt
lebwohl Sonne,
traurig auf dem schwarzen Kleid.

Carlo Bordini

 
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