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Gino Chiellino

Unbeteiligt fließt das Wasser [ von Gino Chiellino ]

Unbeteiligt fließt das Wasser
zwischen den Steinen der Waschstelle
im Schatten der zitternden Pappel.

An der Neigung der Steine zum Wasser
hat das Wüten der Tramontana
in der Flussbiegung nichts geändert.

Seit dem Tod der letzten Wäscherin
nach dem Aufbruch des Geliebten
setzen die Steine ihr Leben fort
und widersprechen dem Lauf der Zeit.

 

An einem Morgen im September [ von Gino Chiellino ]

Das Land liegt am Meer,
mein Geburtsort war das Blau des Silagebirges.

Das Blau sah mich mit Ziegen, Kühen,
Schafen, Maultieren und Schweinen
heranwachsen, nahm meine Wünsche auf und
ließ keinen Tag von mir abfallen.

An einem Morgen im September
löste sich das Blau meines Lebens
in den Farben eines abfahrenden Zuges auf.

Der Zug war überall pünktlich und ich kam nie an.

Die Schreinerwerkstatt [ von Gino Chiellino ]

Im Schatten meiner Gedanken kehre ich täglich
zu der Werkstatt des Meisters und ihren Düften zurück.

Im Winter roch es nach aufflammenden Sägespänen und Tod.
Gegen den süßlichen Staub des Sommers holte der Lehrling
Wasser im Garten des Nachbarn.
Regen und Wind brachten im Frühjahr das Licht zu den Werkzeugen zurück.
Aus warmem Kastanienholz entwarfen sie Betten und Schränke
für die Nächte der Liebenden.
Im Herbst aßen sich Meister und Lehrling bei den Bauern satt.
Sie glaubten an ein Leben aus Geometrie.

Seit ungezählten Jahreszeiten bewachen
Holunder und Weißdorn das Haus des Meisters.

Wenn der Augustmond in die Werkstatt eindringt,
teilen sich Lehrling und Werkzeuge die Sehnsucht nach dem Meister.

   

Kein Shylock [ von Gino Chiellino ]

Ich war kein Shylock,
unvernünftig und klug lebte ich unter Säcken,
randvoll und prall mit Leere gefüllt.

Mir gehörte und gehorchte kein Pfund Fleisch,
kein Pfund Erde , die Luft,
die ich zum Leben brauchte, war verpestet.

Aus Shylock kann kein Bruder werden,
unvernünftig und klug schlug ich mich
gegen mich selbst und durch.

Nun lebe ich vom täglichen Blick aufs Meer,
vor Hilferufen schützen mich die Dünen
und bei Landwind sehe ich ihn mir zuwinken,
unvernünftig und klug - wie damals in Venedig.

Von Messer, Brille, Schirm und Ring [ von Gino Chiellino ]

Es beginnt an einem Morgen, als die Klinge
eines Brotmessers auf der Fensterbank
ihm die Sonne in die Augen schießt.

Geblendet beginnt er Messer, Brille, Schirm und Ring zu verstehen.
In stiller Geduld haben sie ihm beigebracht, bei sich zu sein.

Beim Schneiden des Morgenbrots gerät er
in eine Körperhaltung, die Zuversicht ausstrahlt.
Mit der Brille in der Hand liest er jeden
Brief, bevor er ihn öffnet,
um von seinem Inhalt nicht überrascht zu sein.
Er greift nach dem Schirm, aber nicht
gegen den Regen, durch ihn wird er
um Jahre jünger, bevor er das Haus verlässt.
Den Ring zieht er vor jeder Begegnung an.
Seine Buchstaben in Silber und das Halbgesicht in Gold
bringen ihn in den Fluss des Lebens zurück.

Messer, Brille, Schirm und Ring
werden von ihm erzählen,
wenn ihm die Worte ausgegangen sind.

Alle Gedichte aus: Gino Chiellino Landschaft aus Menschen und Tagen.
Hanser Verlag, München 2010.

 

Gino Chiellino, geb. 1946 in Calabria/Italien. Lyriker, Essayist, Herausgeber, Übersetzer.  Adelbert-von-Chamisso-Preis 1987.  Lebt in Augsburg. Jüngste Veröffentlichungen: Ich in Dresden. Eine Poetikdozentur  (2003) und Es gab einmal die Alpen. Eine Anthologie (2005), Weil Rosa die Weberin… Ausgewählte Gedichte 1977-1991 (2005)

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