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John Deane

Lobgesang [ von John Deane ]

Manchmal, wenn du zum roten Tor hinuntergehst
und die Schrappmusik deiner Schuhe über Kies hörst,
steigt ein gelber Mond über dem Hügel auf;
du schwingst das Tor zu, lehnst dich auf die oberste Latte,
als sei etwas in der Welt vollbracht worden;
ein Nachtwind mistelt durch die Pappelblätter
und der ganze Krach des Universums verstummt
zu einem Oboengesumm, der Grundton einer idealen
Musik; ein unermeßlicher Himmel ist ausschließlich
den Sternen gewidmet und du weißt mit Sicherheit,
alle Toten sind dort oben unterwegs in einer
Feiertagsflotille und sie zelebrieren die Tatsache
eines roten Tores und eines gelben Mondes,
der ihre Instrumente mit dir zur Symphonie stimmt.

 

Das Gedicht des Stieglitz [ von John Deane ]

Schreib, kam das beharrliche Flüstern, ein Gedicht
über die Verlogenheiten des Krieges. Also fand ich Schatten
unter dem summenden Eukalyptus, und setze mich,
geduldigend. Distelsamen flogen auf einer leichten Brise umher,
ein braun-goldener Schmetterling zitterte auf einer gefallenen
reiffleischigen Pflaume. Schreib deinen Traum, sprach die Liebe, von der
gänzlichen Abschaffung des Krieges. Vivaldi, schrieb ich, die vier
Jahreszeiten. Schweigen, eine Weile lang, außer den Stieglitzen,
die in den oberen Ästen twitscherten, lieb, erklangen sie,
lieb-bitt, bitt-bitt, bitt-lieb. Ich atmete kaum,
lauschte. Die Liebe hieß mich schreiben, doch meine Hand
hielt über dem Papier; sag’s ihnen du, sprach ich,
sie werden mich nicht hören. Ein Stieglitz stieß herab,
sichtete nach Samen; ich schwelgte in seiner Färbung, solch
Scharlach, solch Gelb, solch Gelbbraun, eine Musterverzierung,
die der Schöpfer selbst sich vorgestellt haben muß, als er dieses
Goldblitzen, diese Hopkins-gefiederte Schönheit kritzelte. Bitte
schreib, sprach die Liebe, doch weniger hartnäckig. Geist, antwortete ich,
der einst gegen das Chaos auszog . . . Nein, sprach die Liebe,
und ich sagte Michelangelo, Van Gogh, Nein, schreib
für sie das Gedicht über den Stieglitz und die ganze
singende Welt, also machte ich mich ans Werk.

Der Fuchsgott [ von John Deane ]

Über die Felder und Gräben, über die
unüberbückbar dunkle Weite
heult ein Fuchs im Todeskampf,
quält sich, wimmert die ganze Nacht,
wie ein ausgehungertes Kind

und Regen fällt ohne Erbarmen. Er kaut
an seinem Fleisch, er nagt
an seinem nackten Knochen. Am Morgen
stirbt er. Der Fuchs sei ein Schädling, sagen sie,
und sein Gott ein Schädlingsgott;

armes Geschöpf, es wird nicht wissen,
wie es leidet – tröstest Du Dich
und hauchst – noch immer engelsgläubig,
nach einer Himmelsleiter verlangend,
die aus dem Jammertal führt – dein Möge

El Shaddai Dich trösten ins Dunkle
und weißt genau: da ist kein Trost.
Kein Fuchsgott kommt. Im Morgengrauen
schleicht Feind Mensch durch die Felder, Fallen
im Rucksack, Gewehr im Anschlag. Arme

Geschöpfe. Der Spalt ins Freie, lernten wir,
ist von Unglück umzäunt. Irgendwann,
in der Dämmerung, gefangen, warden auch wir
ein Steinkissen wählen, uns niederlegen
auf eine gleich gültige Erde.

Arme Geschöpfe. Arme Geschöpfe.

(translation Michael Basse)

Heinrich Bölls Cottage [ von John Deane ]

Gegen die getünchten Wände des Hauses
scharlachrote Jalousien, über die Sonnenlicht
seine trägen Schattenspiele ausführt;

hier saß der Schriftsteller, schaute durchs Fenster
auf die weißen Schlachtrosse von Blacksod Bay, erinnerte
sich an körperquetschende Panzer und die Weiher von Blut;

die Straße entlang zum kleinen Hafen hinunter
wird der Abend kühl unter dem gefurchten Hang des Bergs,
der unter grauen Wolken aufragt; Fischer, rauchend,

schneiden Krümel vom Fleisch der Makrele
als Köder für den ersehnten Rochen; der Schriftsteller,
auch geduldig, nickt und kehrt zum Schreibtisch zurück, dem gespannten

Gewehrschußtempo der Schreibmaschine.
Hier, wo nichts geschieht, wo ein Widder
durch eine Hecke hereinstolpert und eine schwangere Katze

zum Betteln an die Hintertür kommt, besänftigt er die Geister,
die ihm überall gefolgt sind, auch hierher,
wo nur noch die duftenden Heidekräuter zusehen

durch das atembeschlagene Fenster. Der Schriftsteller
sitzt an seinem Tisch, raucht, weiß, wie das Menschenherz rastlos
bleibt in seiner Treue, er hat die Unschuld gefunden

auf einer Insel weit im Westen, ein Ort,
von Wetter und den Forderungen eines strengen
Gottes eingeschnürt; dies, nur, dies für immer, und immer

ist es zuviel. Später wird er stehen,
von der Familie verwirrt, die Baskenmütze
ulkig balanciert, die Stützbänder straff, wird sehen, wie seine Kinder

lachend gegen die Wellen anlaufen, als ob sie
das sich hebende Wasser zurückhalten könnten, als ob sie, unschuldig,
wie er die ganzen Lasten der Welt auf ihre Schultern laden könnten.
   
übertragen von Margitt Lehbert

 

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