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Thor Vilhjalmsson

Abschied von den Waffen [ Thor Vilhjalmsson ]

Einar Már Guðmundsson
"Klettur í hafi"
Übersetzung: Gudrun M. H. Kloes

Seht diesen Fels ...

Auf diesem Fels
baute die Weltmacht ein Camp.
Landnahme mit Hubschraubern
Radarempfängern, Feldstechern, Gebäuden und Waffen.
Allem, was zu einem Camp
am Ende der Welt gehört.
Zwar zeigte sich bald
die Vergeblichkeit der Mühen
dass der Fels kein Glied würde
in der Kette jener Epoche
die da um die Welt ging.
Doch kapitulieren galt nicht:
Die Errichtung des Camps
musste vollendet sein
und die Station betrieben
mit dem vorrangigen Ziel vor Augen
sie niederzulegen.

Seht diesen Fels ...

der Fels
wo Schlager von einst
zwischen öden Häusern hängen
und der Nebel die Tür auftut
in unbekannte Welten.

Am Boden lagert ein Gletscher
und spricht im Schlaf
von rostiger Hinterlassenschaft
der Weltmacht Zeit
prähistorischen Eispanzern
und ewigem Warten auf Nichts.

Seht diesen Fels ...

der Fels, wo ein verlassener
Radarschirm im Nebel liegt
und ohne Kontakt mit
der Umwelt döst

und Bücher
voller Morsekürzel
eines längst vergessenen Krieges
im Schnee begraben sind

der Fels
wo halbe Tage
die Wüsten jener Zeit bestreichen
die blieb
als die Soldaten gingen.

Seht diesen Fels ...

Auf diesem Felsen schritten sie einher
in Einsamkeit und Schweigen
im Gewöll nordischer Wolkenlast
und in Finsternis so dicht wie ein Vlies
durch die Leere, so dunkel und tief
ohne Zahl fielen sie
vom Felsrand und verschwanden
im Dunkel dieses Landes
im Dunst dieser Welt
in der Leere, die folgt auf die Zeit
wo der Fels in
wilder Brandung steht
und Winter den Berg erklimmt.

 

   

Der Geschichtenerzähler Homer [ Thor Vilhjalmsson ]

Einar Már Guðmundsson
"Klettur í hafi"
Übersetzung: Gudrun M. H. Kloes

An einem regenlastigen Nachmittag
legte der Geschichtenerzähler Homer
sein Schiff aus weitgereistem Traum
in Reykjavík an.
Er verlieβ die Pier
und nahm ein Taxi, das ihn
durch regengraue Straβen fuhr,
wo traurige Häuser vorbeizogen.

An der Kreuzung wandte der Geschichtenerzähler Homer
sich an den Fahrer und sagte:
"Wie ist die Vorstellung möglich,
dass hier in dieser regengrauen
Monotonie eine Erzählernation lebt?"
"Genau das ist der Grund", war die Antwort des Fahrers,
"nie ersehnt man sich mehr
eine gute Geschichte, als wenn Tropfen
gegen die Scheiben trommeln."

Wenn Tropfen gegen die Scheiben trommeln
und Nebel, der in der Bucht wallt,
Berge und Meer verhüllt,
nichts erzählenswert ist,
bloβ der Schneematsch der Straβen,
kein Zaubergesang,
kein Sonnenlied,
nur schmelzende Spuren
wie Regen im Meer,
in der Leere; und singender,
blasender Wind ...

Grau verhüllt
schwingt Zeit in den Straβen,
traumlos schweben Vögel
versprengt in der Stadt.
Regenfahnen des Himmels
engen den Hals ein
und das Nachtdunkel ergieβt sich
wie ein Netz auf die Welt.

Jemand steuert sein Boot auf das Meer,
es ist singende Woge,
es ist schlafendes Haus,
das Segel aus Traum gewunden.
In Wellen legt sich die Erde
entlang schwarzer See
und Lichtschein schwingt
lodernd in Straβen.

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